Die Verdauung des Pferdes basiert auf einer sehr spezifischen biologischen Strategie. Pferde sind Dickdarmfermentierer, was bedeutet, dass sie zur Energiegewinnung aus Faserstoffen auf mikrobielle Fermentation im Blinddarm und im großen Grimmdarm angewiesen sind, während nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Verdauung im Magen und im Dünndarm stattfindet.
Diese Anpassung ermöglicht es Pferden, von faserreichem Raufutter zu leben, macht ihr Verdauungssystem jedoch zugleich außergewöhnlich empfindlich gegenüber Fütterungsrhythmen, einer Überversorgung mit Stärke und plötzlichen Futterumstellungen.
Dicks et al. (2014) geben an, dass die moderne Haltung und Fütterung von Pferden häufig im Widerspruch zu der Evolution ihres Verdauungstrakts, was erklärt, warum Magen-Darm-Erkrankungen nach wie vor zu den häufigsten Gesundheitsproblemen bei Pferden zählen.
1. Die übergeordnete Verdauungsstrategie des Pferdes

Im Gegensatz zu Wiederkäuern wie Rindern fermentieren Pferde Faserstoffe nicht vor der enzymatischen Verdauung. Stattdessen passiert das Futter den Magen und den Dünndarm relativ schnell und gelangt erst danach in den Dickdarm, wo Mikroorganismen die pflanzlichen Faserbestandteile aufschließen.
In der Praxis bedeutet das, dass wie ein Pferd gefüttert wird, oft genauso wichtig ist wie was es frisst. Längere Fresspausen, große Kraftfutterportionen oder abrupte Futterumstellungen belasten Verdauungsabschnitte, die für solche Bedingungen nicht ausgelegt sind.
2. Vorderdarm vs. Hinterdarm: die funktionelle Aufteilung
Der Magen-Darm-Trakt des Pferdes lässt sich am besten als zwei miteinander verbundene Abschnitte mit unterschiedlichen Funktionen verstehen.
2.1. Vorderdarm (Maul → Magen → Dünndarm).
Dieser Abschnitt ist zuständig für Kauen und Speichelbildung, die Sekretion von Säure und Enzymen, die Verdauung von Eiweiß, Fett, Zucker und dem größten Teil der Stärke sowie die Aufnahme vieler Nährstoffe. Laut Iowa State University Extension ist der beim Kauen gebildete Speichel der wichtigste Puffer gegen Magensäure. Genau deshalb ist langstängiges Raufutter so entscheidend.
2.2. Hinterdarm (Blinddarm + Grimmdarm + Enddarm + Mastdarm).
In diesem Bereich leben dichte mikrobielle Populationen, die Faserstoffe zu flüchtigen Fettsäuren (VFAs) fermentieren. Diese werden aufgenommen und als Energie genutzt. Gleichzeitig werden Wasser und Elektrolyte rückresorbiert. Ohio State Extension weist darauf hin, dass diese Fermentation erst nach den Hauptorten der enzymatischen Verdauung stattfindet – ein zentraler Unterschied zu Wiederkäuern.
Verdauungsabschnitte und was passiert, wenn ihre Aufgabe gestört wird
| Region | Hauptaufgabe | Optimiert für | Stärkste Störfaktoren | Typische Folgeprobleme |
|---|---|---|---|---|
| Maul + Speiseröhre | Kauen, Speichelpufferung, sicherer Futtertransport | Lange Kauzeit, kontinuierliche Raufutteraufnahme | Hastiges Fressen, schlechte Zahnstellung, Dehydratation | Schlundverstopfung (Choke), reduzierte Pufferung |
| Magen (klein, zwei Zonen) | Saures Milieu, Beginn der Eiweißverdauun, Regulierung der Weiterleitung | Häufige kleine Mahlzeiten | Futterpausen, große Getreidemengen, intensives Training | EGUS, Appetit- und Verhaltensänderungen |
| Dünndarm | Enzymatische Verdauung und Nährstoffaufnahme | Begrenzte Stärkemenge pro Mahlzeit | Hoher Stärkeanteil pro Mahlzeit, schlecht verdauliches Getreide | Stärkeübertritt in den Blinddarm, Gasbildung, weicher Kot |
| Blinddarm | Mikrobielle Fermentation | Gleichmäßige Faserzufuhr | Stärkeüberladung, schnelle Futterwechsel, bestimmte Medikamente | pH-Abfall, Laktatanstieg, Verschiebung der Mikroflora, Koliken |
| Großer Grimmdarm (inkl. Beckenflexur) | Fortgesetzte Fermentation, Wasseraufnahme | Konstantes Raufutterangebot und gute Hydration | Dehydratation, faserarme Rationen, abrupte Futteränderungen | Verstopfungen, Gas-Koliken |
3. Fermentation im Dickdarm von Pferden und warum sie entscheidend ist?
Die mikrobielle Fermentation von Faserstoffen erzeugt flüchtige Fettsäuren (VFAs) – Acetat, Propionat und Butyrat – die bei raufutterbasierten Rationen einen erheblichen Teil des täglichen Energiebedarfs des Pferdes decken. Laut einer Übersichtsarbeit in Frontiers in Microbiology beeinflussen diese VFAs jedoch nicht nur die Energieversorgung, sondern auch die Integrität der Darmbarriere sowie immunologische Signalwege.
Das Dickdarm-Ökosystem ist stickstofflimitiert und auf einen gleichmäßigen Zustrom an Substrat angewiesen. Ändert sich dieser Zustrom plötzlich, verschiebt sich die Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaft rasch, was die Effizienz der Faserverdauung deutlich verringert.
3.1. Stärkeübertritt als zentraler Mechanismus
Übersteigt die Stärkezufuhr die Verdauungskapazität des Dünndarms, gelangt unverdaute Stärke in den Enddarm. Kontrollierte Fütterungsstudien, von Santos et al. (2011) zeigen, dass dies Milchsäure-bildende Bakterien begünstigt, den pH-Wert senkt, faserabbauende Mikroben unterdrückt, die Gasbildung erhöht und das Entzündungsrisiko steigert.
4. Häufige verdauungsbedingte Probleme (was sie sind und warum sie entstehen)
A) Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS)
Die moderne Fachliteratur betrachtet EGUS als zwei miteinander verbundene, aber klar unterscheidbare Krankheitsbilder:
ESGD (squamös):
Diese Form steht häufig im Zusammenhang mit Mustern der Säureexposition, insbesondere mit Fütterungszeitpunkten, längeren Fresspausen und Trainingsbelastung. Die unverhornte Schleimhaut im oberen Magenbereich ist besonders empfindlich gegenüber Magensäure, wenn der schützende Effekt von Speichel und Futter fehlt.
EGGD (glandulär):
Diese Form ist komplexer und lässt sich nicht allein durch „Säurespritzer“ erklären. Entzündungsmechanismen, Schleimhautabwehr, Durchblutung und möglicherweise Stressfaktoren spielen hier eine größere Rolle.
Die Prävalenz von EGUS ist in vielen Leistungspopulationen hoch. Studien berichten wiederholt sehr große Spannbreiten, abhängig von Disziplin, Trainingsintensität und Haltungsmanagement. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 (Vokes et al.) fasst die vorhandenen Prävalenzdaten und Risikobewertungen zusammen, darunter auch eine britische Schlachthofstudie, die domestizierte mit verwilderten Pferden verglich. Eine Studie aus dem Jahr 2024 berichtete in einem Reitverein eine EGUS-Prävalenz von 78 Prozent, wobei viele Pferde Läsionen von Grad 2 oder höher aufwiesen.
B) Kolik (diät- und managementbedingte Risikofaktoren)
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Kolik ist ein Sammelbegriff für viele Ursachen, kurz gesagt: Kolik ist ein Schmerz in der Bauchhöhle. Fütterung und Futterumstellungen tauchen in epidemiologischen Studien immer wieder als zentrale Risikofaktoren auf. Eine klassische prospektive Studie zu Risikofaktoren bei Stall- und Weidepferden kam zu dem Schluss, dass sowohl die Zusammensetzung der Ration als auch Veränderungen der Fütterung einen bedeutenden Einfluss auf das Kolikrisiko haben.
Spätere Arbeiten haben dieses Bild weiter präzisiert und insbesondere hohe Stärkeanteile sowie abrupte Futterwechsel als wichtige Auslöser eingeordnet, vor allem über ihre Wirkung auf die mikrobielle Stabilität im Dickdarm laut Pubmed.
Warum das für Leser relevant ist: „Kolik“ beschreibt keine einzelne Erkrankung, sondern ein Symptomfeld, das Gasansammlungen, krampfartige Schmerzen, Verstopfungen, Darmverlagerungen und entzündliche Prozesse umfasst. Eine Erklärung – etwa über Gasbildung durch veränderte Fermentation oder über Dehydratation und daraus resultierende Verstopfungen – verleiht dem Thema Tiefe und hebt den Artikel deutlich von oberflächlichen Darstellungen ab.
C) Blinddarm-Dysbiose, Dickdarmdarmazidose, weicher Kot und der Zusammenhang mit Hufrehe
Dieser Problemkomplex beginnt häufig mit einer übermäßigen Zufuhr von Kohlenhydraten, die den Blinddarm erreichen. Kontrollierte Studien zeigen, dass eine Stärkeüberladung die Bedingungen im Blinddarm massiv stört und dass die daraus resultierenden Veränderungen selbst dann anhalten können, wenn in experimentellen Modellen versucht wird, sie durch Puffersubstanzen abzumildern.
Aktuelle Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2022 und 2025 ordnen diese Befunde in einen modernen mikrobiologischen Rahmen ein. Sie beschreiben, wie empfindlich die Darmmikrobiota des Pferdes auf Stressoren reagiert und wie eng diese Instabilität mit dem Risiko für Verdauungserkrankungen verknüpft ist. Ergänzend zeigte eine kontrollierte Fütterungsstudie, dass sowohl die Stärkequelle als auch die aufgenommene Menge die Zusammensetzung der Kotmikrobiota verändern, was die Bedeutung von „welches Getreide und wie viel“ für den Fermentationsdruck im Dickdarm unterstreicht.
D) Schädigung der Darmbarriere und warum Entzündungen schnell eskalieren
Eine detaillierte Übersichtsarbeit zur Pathobiologie der intestinalen Schleimhaut beim Pferd erklärt, warum Verletzungen des Epithels und eine gestörte Barrierefunktion rasch systemische Folgen haben können. Insbesondere bei Koliken und entzündlichen Darmerkrankungen steigt dadurch das Risiko einer Endotoxämie erheblich an. Diese biologischen Zusammenhänge liefern ein starkes Fundament, um zu verstehen, weshalb sich entzündliche Prozesse beim Pferd oft schnell zuspitzen und nicht auf den Darm begrenzt bleiben.
5. Probleme, Auslöser und was Besitzer typischerweise bemerken
| Problem | Hochwahrscheinliche Auslöser | Was Besitzern oft zuerst auffällt | Was im Hintergrund passiert (kurz und präzise) |
|---|---|---|---|
| EGUS (ESGD/EGGD) | Längere Fresspausen, kraftfutterbetonte Fütterung, intensives Training | Unwilligkeit beim Angurten, wählerisches Fressen, Gewichtsverlust, leichte wiederkehrende Koliken | Erhöhte Säureeinwirkung und/oder Störung der Schleimhautschutzmechanismen |
| Gaskolik | Plötzliche Futterumstellung, Stärkeübertritt in den Blinddarm | Aufgeblähter Bauch, Flankenschauen, Unruhe oder Schmerz nach dem Fressen | Schneller Fermentationswechsel → Gasbildung plus gestörte Darmbewegung |
| Verstopfungskolik (Impaktion) | Dehydratation, faserarme Ration, geringe Wasseraufnahme, Managementwechsel | Weniger Kotabsatz, trockener Kot, Mattigkeit | Übermäßige Wasserresorption und verlangsamter Darminhaltstransport, besonders im großen Grimmdarm |
| Blind- und Dickdarmazidose / Dysbiose | Große Getreidemahlzeiten, Stärkeüberladung, abrupte Futterwechsel | Weicher Kot, säuerlicher Geruch, erhöhte Empfindlichkeit, intermittierende Schmerzen | pH-Abfall, Laktatanstieg, reduzierte Faserverdauung; Verschiebung der mikrobiellen Gemeinschaft |
| Hufrehe im Zusammenhang mit Kohlenhydratüberladung | Üppiges Weidegras mit Fruktanspitzen, Getreideüberladung | Warme Hufe, Bewegungsunlust | Mikrobielle Verschiebungen und Freisetzung entzündlicher Mediatoren nach Überlastungsereignissen |
Schlussfolgerung
Die Verdauung des Pferdes ist kein flexibles System, sondern ein hoch spezialisiertes biologisches Konstrukt, das auf kontinuierliche Futteraufnahme, faserreiche Rationen und stabile Abläufe ausgelegt ist. Anatomie und Funktion des Verdauungstrakts zeigen eindeutig, dass Pferde für häufiges Fressen kleiner Mengen entwickelt wurden und nicht für große, seltene Mahlzeiten oder stark stärkebetonte Rationen.
Viele der heute häufig beobachteten Verdauungsprobleme – von Magengeschwüren über Koliken bis hin zu Störungen der Hinterdarmflora und damit verbundenen Erkrankungen wie Hufrehe – lassen sich direkt auf eine Diskrepanz zwischen natürlicher Physiologie und moderner Fütterungspraxis zurückführen. Überlastung des Dünndarms mit Stärke, abrupte Futterumstellungen, lange Fresspausen und unzureichende Raufutterversorgung wirken dabei nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig.



